Interview mit Prof. Jörg Junhold, Direktor des Zoo Leipzig

Das Thema Populationsmanagement in Zoos ist in der Öffentlichkeit immer wieder Gegenstand kontroverser Diskussionen. Könnten Sie uns zunächst erklären, warum Populationsmanagement für Zoos so wichtig ist und wie es zum Artenschutz beiträgt?

Sehr gern. Das Populationsmanagement ist ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit im Zoo. Es geht darum, gesunde, nachhaltige - das heißt sich genetisch erhaltende - Populationen bedrohter Tierarten zu bewahren. Das umfasst Aspekte wie Wohlbefinden, Gesundheit, artgemäße Ernährung, Sozialverhalten sowie die Jungtieraufzucht. Durch gezielte Zuchtprogramme, wie die Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEP), können wir den langfristigen Fortbestand dieser Arten sichern. Dabei ist es manchmal notwendig, Tiere umzusetzen, untereinander zu tauschen, Nachzuchten gezielt zu regulieren oder bei fehlenden Alternativen auch Tiere zu töten, um die Populationen optimal zu steuern und Überalterung oder ungesunde Strukturen zu vermeiden.

In der medialen Diskussion um die Tötung von Pavianen im Zoo Nürnberg wird dieses Thema sehr emotional diskutiert. Wie sehen Sie solche Entscheidungen im Kontext des Populationsmanagements?

Das ist in der Tat ein sehr emotional besetztes Thema. Wir teilen die Argumentation und die wissenschaftliche Einschätzung unserer Nürnberger Kollegen. Ein wissenschaftlich fundiertes Populationsmanagement ist im Rahmen der tiergärtnerischen Arbeit und des Artenschutzes unumgänglich. Es geht darum, verantwortungsvoll abzuwägen, was für die Populationen und die Art langfristig am besten ist. Solche Entscheidungen werden immer im Austausch mit Fachleuten und Gremien getroffen und sind nie leichtfertig. Auch im Zoo Leipzig gab es und wird es immer wieder Einzelfallentscheidungen geben, die fachlich bewertet werden müssen.

Vielen Menschen ist auch die Frage wichtig, woher die Zoos die Tiere beziehen, die sie zum Verfüttern an Raubtiere verwenden. Können Sie uns dazu etwas sagen?

Die überwiegende Menge an Futterfleisch oder Futtertieren kommt aus dem Fachhandel für Futterfleisch, also aus zugelassenen Betrieben. Dazu gehören Rind, Fisch, Geflügel, Kaninchen, Eintagsküken, Mäuse und Ratten, teilweise auch gefroren. Ein kleiner Anteil stammt aus dem Zoo selbst, etwa Schafe, Ziegen oder auch Wildtiere, die im Rahmen unseres Populationsmanagements getötet und als gesundes, artgemäßes Futter genutzt werden. 

Es gab in den Medien auch Diskussionen über die Aktion eines dänischen Zoos, Haustiere bis hin zu Pferden zu spenden, um sie als Futter zu nutzen. Wie bewerten Sie solche Ansätze? 

Grundsätzlich ist das ein Ansatz, der den natürlichen Nahrungskreislauf widerspiegelt. Er zeigt aber auch kulturelle Unterschiede selbst zwischen Nachbarländern. In Dänemark ist die Akzeptanz für solche Vorgänge stärker ausgeprägt. Das Töten zum Verfüttern ist eine Möglichkeit, um auch alten Pferden unnötiges Leiden zu ersparen oder Haustierbesitzern bei ungeplanten Zuchterfolgen einen Ausweg ohne Aussetzen zu ermöglichen. In Deutschland ist die Situation anders, und die Diskussion darüber sehr emotional. Wichtig ist, dass bei solchen Entscheidungen immer das Tierwohl im Mittelpunkt steht und alle Maßnahmen verantwortungsvoll abgewogen werden. Fest steht aber, dass es sich um artgemäßes Futter handelt.

Warum ist es notwendig, auch Ganzkörperfütterungen für Raubtiere zu ermöglichen? 

Für viele Raubtiere ist die vollständige Beute – also mit Knochen, Organen und Fell – artgemäß und notwendig. In der Natur fressen Beutetiere meist nicht nur Fleisch, sondern auch Innereien, Knochen und andere Teile, die wichtige Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine enthalten. Das Verhalten beim Fressen ist zudem sehr anspruchsvoll und fördert die natürliche Auseinandersetzung mit dem Futter. Dazu gehören das Öffnen des Körpers ebenso sowie der Umgang mit z.B. Federn oder Krallen. 

Das Thema Lebendverfütterung ist ebenfalls von Zeit zu Zeit Gegenstand kontroverser Diskussionen. Wird bei Ihnen im Zoo Leipzig lebend verfüttert?

Das Tierschutzgesetz in Deutschland verbietet grundsätzlich die Lebendverfütterung von Wirbeltieren. Es gibt jedoch in sehr begrenztem Rahmen Ausnahmen, etwa bei bestimmten Schlangen, bei denen das Gift Enzyme enthält, die eine Vorverdauung einleiten. Diese Ausnahmen sind streng geregelt und nur in speziellen Fällen zulässig. Insgesamt legen wir großen Wert auf den Schutz der Tiere und halten uns an die gesetzlichen Vorgaben. 

Das Thema Futterlogistik ist sicherlich in Gänze eine große Herausforderung. Können Sie uns einen Einblick geben, wie der Zoo Leipzig die Versorgung seiner Tiere organisiert? 

Unser Zoo verfügt über einen zentralen Futtertrakt, der entsprechend der wissenschaftlich erarbeiteten Ernährungspläne die verschiedenen Tierarten versorgt. Unser Futterteam arbeitet sieben Tage die Woche, um die Versorgung sicherzustellen. Die Logistik ist äußerst komplex, da wir mehr als 600 Tierarten mit unterschiedlichen Bedürfnissen versorgen. 

Zum Beispiel verbrauchen wir jährlich etwa 159.670 kg Wiesenheu, 49.770 kg Luzerneheu, 28.612 kg Fleisch, 20.245 kg Fisch sowie große Mengen an Obst, Gemüse, Eiern und anderen Futtermitteln. Für unsere Raubtiere benötigen wir allein mehr als 28.000 kg Fleisch und 20.000 kg Fisch im Jahr. 

Das klingt nach einer äußerst verantwortungsvollen und aufwändigen Organisation. Wie sehen Sie die Zukunft des Populationsmanagements in Zoos? 

Ich bin überzeugt, dass das Populationsmanagement in Zukunft eine wachsende Rolle im Artenschutz einnehmen wird. Lebensräume schwinden, das Artensterben schreitet voran. Es muss uns gelingen, für möglichst viele Arten eine Reservepopulation zu erhalten, die bei sich ändernden Bedingungen in den natürlichen Lebensräumen wieder angesiedelt werden können. Dabei ist eine Balance zwischen artgemäßer Haltung, wissenschaftlicher Betreuung und ethischer Verantwortung gefordert. Wichtig ist, die Öffentlichkeit in unsere Arbeit einbinden, um das Verständnis für diese komplexen Zusammenhänge zu stärken. Beispiele dafür gibt es viele – nicht zuletzt die Guinea-Paviane im Tiergarten Nürnberg, deren Verkleinerung der Gruppe lange vorbereitet und ausgiebig erläutert wurde. Die Körper wurden teilweise für die Forschung, teilweise zum Verfüttern an Raubtiere genutzt. Arten können nur überleben, wenn es Gruppen mit generationenübergreifenden Strukturen, zuchtfähigen Weibchen und heranwachsendem Nachwuchs gibt. Eine überalterte oder nicht züchtende Population stirbt aus.