In der weltweit einzigartigen Menschenaffenanlage Pongoland leben vier der faszinierenden und zugleich stark bedrohten Menschenaffenarten unter einem Dach: Flachlandgorillas, Bonobos, Westafrikanische Schimpansen und Orang-Utans. Seit der Eröffnung im Jahr 2001 gilt die Anlage als besonderer Ort, an dem moderne Tierhaltung, wissenschaftliche Forschung und besondere Begegnungen zwischen Mensch und Tier zusammenkommen. Aktuell leben hier 49 Primaten in fünf sozialen Gruppen.
Seit der Eröffnung von Pongoland begleitet Bereichsleiter Daniel Geissler die Entwicklung dieser Anlage. Zum Jubiläum spricht er im Interview über seine Erfahrungen aus 25 Jahren Arbeit mit den Menschenaffen, über die enge Forschungskooperation mit dem Max-Planck-Institut und über Eigenarten der verschiedenen Arten.  

Daniel, wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den Forschern des Max-Planck-Institutes und den Pflegern von Pongoland? 

Die Zusammenarbeit zwischen den Forschern und uns ist klar geregelt und durch einen engmaschigen Austausch geprägt. Einmal in der Woche stimmen wir den konkreten Testplan für die Gruppen ab. Die Testzeiten finden meistens am Vormittag zwischen 8.30 Uhr und 12.30 Uhr statt. Wir unterstützen die Forscher dahingehend, dass wir die Tiere, die am Test teilnehmen sollen, in die Testräume lotsen. Soll ein spezieller Testapparat der Forscher zum Einsatz kommen, prüfen wir im Vorfeld, ob er affensicher und auch für uns Tierpfleger praktikabel ist. Außerdem besprechen wir mit den Forschern vor dem Einsatz, welches und wie viel Futtermittel während der Testreihe zum Einsatz kommen darf, welcher Affe allein getestet werden kann oder wer noch seinen Freund dabeihaben muss. Oftmals sind es kleine, aber für das Wohlempfinden der Affen wichtige Festlegungen, die wir vorab mit den Forschern klären und treffen. Es ist ein sehr gutes Miteinander, das auf einer Vertrauensbasis beruht. Nur wir Pfleger kennen die Affen gut genug und können einschätzen, ob der Affe geeignet oder am Tag des Tests auch gesund ist. Wir stehen eigentlich immer in intensivem Austausch. 

Wie viele Tierpfleger arbeiten in Pongoland und wie sind sie auf die Gruppen aufgeteilt? 

Gegenwärtig arbeiten zwölf Tierpfleger und ich als Bereichsleiter in Pongoland. Mein Arbeitsalltag beinhaltet vor allem organisatorische Aufgaben. Nur aushilfsweise betreue ich die Affengruppen und kenne natürlich jedes Individuum. Wir betreuen fünf Affengruppen, und jeder Pfleger kann und muss alle Gruppen betreuen. In Krankheitsfällen oder Urlaubszeiten benötigen wir einfach diese Flexibilität, jedoch hat jeder von uns seine Hauptgruppen. Kontinuität ist im Umgang mit den Menschenaffen wichtig. Wir haben es so aufgeteilt, dass pro Affengruppe am Tag ein Pfleger vor Ort ist, der sich nur um seine Gruppe kümmert. Die Betreuung der 22-köpfigen Schimpansengruppe bildet jedoch eine Ausnahme. Hier kümmern sich zwei Pfleger um die Gruppe, da sie aufgrund ihrer Größe am intensivsten beforscht wird. Sie bietet für die Wissenschaftler mehr Möglichkeiten, parallele Forschungen durchzuführen. 

Wie engagiert arbeiten die Affen bei der Forschung mit und gibt es Unterschiede zwischen den Arten?

Natürlich gibt es auch bei der Motivation der Affen Unterschiede, und es gibt Tests, die machen die Affen lieber, und andere wiederum sind weniger interessant für sie. Das heißt, jeder Affe entscheidet täglich aufs Neue, ob er am Test teilnimmt oder nicht. Hat er schlechte Laune, keine Lust sich aus der Gruppe zu entfernen oder ist der Test langweilig für ihn, dann muss er nicht mitmachen bzw. kommt eben nicht zum Test. Und dann gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Affenarten. Am schwersten zu motivieren sind oftmals unsere Gorillas. Sie fressen lieber, als sich mit den Testapparaten zu beschäftigen. Sie sind auch nicht gerade die Tüftler unter den Affen. Was bei unseren Orang-Utans wieder anders aussieht, sie sind sehr testgierig und haben großes Interesse daran, an sie gestellte Probleme zu lösen. Unsere Schimpansen sortieren sich ungefähr in der Mitte ein. Individuelle Unterschiede, jeweils pro Affengruppe, gibt es auch. In unserer Schimpansengruppe beispielsweise gibt es zwei Weibchen, die sind genauso motiviert wie unsere Orang-Utans. Sie haben immer Lust auf die Tests und hängen sich richtig rein, auch komplizierte und schwere Aufgaben zu lösen. 

Wie muss man sich einen Arbeitstag in Pongoland vorstellen? 

Wir starten am Morgen zwischen 6:30 und 7 Uhr. Als Erstes wird das Licht angeschaltet, und die Affen werden langsam geweckt. Dann kochen wir den Frühstückstee und bereiten das kleine Frühstück vor, welches wir aus der Hand füttern. Wir gehen aber nicht ins Gehege rein. Dieses morgendliche Ritual ist für uns Pfleger sehr wichtig, denn so können wir genau prüfen, ob mit dem Tier alles in Ordnung ist und wie seine Nacht war. Danach reinigen wir die Innenanlagen, bereiten das große Frühstück vor und verteilen es gemeinsam mit den Enrichment-Sachen, wie Jutesäcke oder Rosinenhölzer, auf der Anlage. Im Anschluss lassen wir die Tiere raus, und sie können in den Tag starten. Zwischen 8.30 und 12.30 Uhr findet die Forschung statt, danach ist Siesta für die Affen.  Erst gegen 13.30 Uhr, wenn die Mittagsfütterung beginnt, werden die Affen wieder aktiv. Parallel bzw. im Hintergrund laufen die Reinigungsarbeiten in den Schlafgehegen und die Vorbereitungen der Futterrationen für den nächsten Tag.  Am Nachmittag verteilen wir dann noch kleine Snacks oder weitere Beschäftigungsmaterialien. Und dann geht es langsam auf den Abend zu, wir bereiten also die Schlafräume mit Nistmaterial vor, verteilen das Abendbrot und holen sie zur Zooschließung in die Innenschlafräume rein. Einige Gruppen verbringen die Nacht auf der Innenanlage.  Zum Schluss gibt es für jeden Affen ein kleines Leckerli, so dass wir uns die Tiere nochmal genauer angucken können, danach wird das Licht gedimmt und wir gehen nach Hause. 

Welche Beziehung habt ihr zu den Affen? 

Man kann schon sagen, dass das Verhältnis zwischen uns und den Affen auf einem sehr tiefen und engen Vertrauensverhältnis basiert. Die Affen kennen uns sehr gut, und wir sie ebenso. Sie können genau einschätzen, ob wir schlechte Laune haben und umgekehrt. Das hilft im Umgang. Hat ein Affe schlechte Laune, dann lasse ich ihn lieber in Ruhe und versuche nicht, ihn zu irgendetwas zu zwingen.  Sie vertrauen uns und wissen eigentlich, dass von uns nichts Böses kommt, sondern nur die schönen Sachen, wie Leckerlis oder das normale Futter. Dieses Vertrauen kommt uns in vielen Situation zugute, vor allem aber, wenn ein Tier krank ist. Kommt der Tierarzt, wissen sie, dass das nicht gleich etwas Schlimmes bedeutet. 

Der regelmäßige Nachwuchs bei allen Menschenaffen in den letzten Jahren ist eine Erfolgsgeschichte. Wie viele Jungtier konntest Du bislang aufwachsen sehen und ist Dir ein Jungtier besonders in Erinnerung geblieben? 

Bislang sind 45 Jungtiere verteilt auf die einzelnen Arten gesund in Pongoland aufgewachsen. Ich kann mich noch gut an meine erste Menschenaffengeburt erinnern, denn sie fand tagsüber auf der Innenanlage statt und wir Tierpfleger konnten zusehen. Es war der kleine Schimpansenjunge Lobo, der 2004 zur Welt kam und inzwischen im Zoo von Osnabrück lebt. 

Gibt es Charaktertiere in den Gruppen?

Natürlich hat bei uns jedes Tier seinen eigenen Charakter. Allerdings gibt es einige Individuen mit einem sehr eigenen oder stark ausgeprägten Charakter. Zum Beispiel unser Orang-Utan-Mann Bimbo, der nicht nur äußerst imposant, sondern inzwischen so etwas wie eine graue Eminenz in seiner Gruppe ist. Er arbeitet gut mit uns zusammen, allerdings hat er manchmal mit einigen von unseren männlichen Pflegern ein kleines Problem: Er ist schließlich der Chef seiner Gruppe und sieht uns als Nebenbuhler an. Einen ebenso hervorstechenden Charakter hat beispielsweise Jeudi, unsere sehr alte Schimpansendame, die wir alle sehr liebgewonnen haben. Sie kam aus einer Auffangstation zu uns. Ihre Vorgeschichte ist uns leider nicht bekannt, jedoch schien sie kaum sozialen Kontakt zu anderen Schimpansen in den ersten Lebensjahren gehabt zu haben. Sie orientiert sich ein bisschen an uns Menschen. Mit zunehmendem Alter hat Jeudi ein paar Eigenarten entwickelt, die ganz niedlich sind. Und dann ist da noch unser Schimpansenmann Alex, den wir mit der Hand aufgezogen haben. Vier Stammpflegerinnen waren damals für ihn zuständig, und sie brachten ihn manchmal mit zur Frühstückspause. Das sind schon tolle Momente für uns Pfleger, die auch die Beziehung zu unseren Tieren ausmacht. 

Wie unterscheiden sich die vier Menschenaffenarten? 

Unsere Gorillagruppe ist die ruhigste und entspannteste Gruppe. Konflikte werden eher ruhig ausgetragen, da hört man mal ein Brummen von unseren Silberrückenmann Abeeku, mehr aber nicht. Ganz anders unterwegs sind die Schimpansen. Bei 22 Tieren in der Gruppe gibt es des Öfteren Streit. Da kann es schon sehr laut werden, und wenn einer anfängt, schimpfen die anderen zurück. Die Bonobos sind in Bezug auf den Geräuschpegel sogar noch lauter als die Schimpansen, und ein wenig hektischer. Ihre Konflikte lösen sie meistens durch Sexualverkehr, dafür sind sie auch bekannt. Kommt es jedoch zu einer ernsthaften Reiberei, dann wird sie intensiver ausgetragen als bei den Schimpansen. Neben den Bonobos leben die Orang-Utans, die manchmal etwas lethargisch wirken, wenn sie mit ihren Jutesäcken oder Papierbahnen in einer Ecke oder oben auf einem Liegeplatz liegen. Ich würde sie als gemütliche Affen charakterisieren, die aber auch ganz anders können. Als Bimbo noch jung war, hat er sich oft echauffiert und Dinge bewusst kaputtgemacht. Wir mussten regelmäßig die Anlage und die Einbauten überprüfen, er hatte einfach zu viel Kraft. Jetzt ist er mit seinen 40 Jahren ruhiger geworden. Die Orangs gelten im Haus als die Spitzfindigsten, die uns Tierpfleger am meisten fordern. Einfach dadurch, dass sie ein Interesse am Manipulieren haben und wirklich gern tüfteln.